Samstag, 11. Juli 2015

Wanderer durch den Garten

Wiesenkerbel und Prachtstorchschnabel -
auf die Idee wäre ich nie gekommen.
Vor allen nicht als Randbepflanzung am
Fuß der Hochbeete. 
Kennt ihr sie auch? Pflanzen, die durch den Garten wandern, an Stellen auftauchen, an denen man nicht mit ihnen gerechnet hat? Lustig finde ich, dass alle direkten Aussaatversuche (also in situ, dorthin, wo die Pflanzen auch wachsen sollten) trotz guter Pflege in diesem Jahr nicht gelungen sind, aber die Selbstaussaat von Akeleien, Kapuzinerkresse, Borretsch, selbst von Tomaten und Koriander wunderbar klappt. Neulich morgens ging ich durch den Garten und entdeckte im weißen Rosenbeet ein blaues Blümchen, das ich nicht erst nicht zuordnen konnte. Einen Moment später ging mir ein Licht auf: Wegwarte. Wegwarte? Woher bitte kommt die Wegwarte in mein weißes Beet? Dann fiel mir wieder ein, dass wir letztes Jahr vereinzelte Wegwarten in der Wiese hatten. Sind sie doch dort ausgebrochen und haben sich ins Rosenbeet geschmuggelt! Schlimm? Nein, im Gegenteil. Ich liebe diese Bilder, die entstehen, wenn sich Pflanzen selbst aussamen. Vieles würde man selbst doch nie so pflanzen. Und trotzdem passt es eigentlich immer. Manchmal denke ich, dass die Natur selbst der beste Gartenplaner ist.

Ich propagiere hier nicht die Verbreitung von Unkraut, das muss schon auch hier am Roten Haus weichen. Ich erinnere dabei an meine Definition: Unkraut sind Pflanzen die an Stellen wachsen, an denen sie (aus welchen Gründen auch immer) nicht erwünscht sind. Es gibt auch einige Pflanzen, die NIE erwünscht sind - die "klassischen" Unkräuter Giersch, Vogelmiere, Melde, Franzosenkraut... die werden auch hier auf Sicht entfernt. Aber vieles, was sich aussamt, darf erst mal stehen bleiben und wir sehen, ob es sich ins Gesamtbild einfügt. Wenn das nicht der Fall ist, muss es raus, sonst darf es weiter wachsen und blühen. So haben wir im Moment im Garagenbeet eine riesige, aber sehr dekorative Distel stehen. Mir ist klar, dass ich die Blütenköpfe entfernen muss, bevor sie sich aussamen können, aber für dieses Jahr und diesen Moment steht sie dort gut.  Manches nimmt auch überhand - im Moment ist es Schafgarbe, die unsere kleine Terrasse  zu übernehmen droht. Die muss raus - weil sie dort eben stört. An anderer Stelle ist sie ein willkommener Lückenfüller. Ich liebe auch die Malven, die uns hier sei dem ersten Jahr begleiten, überall aufgehen und inzwischen hinter dem Gewächshaus so eine Art Dschungel bilden, oder den Bronzefenchel, der im Feuerbeet mit seinem filigranen Laub und gelbem Blüten inzwischen alles überragt - auch das der Sämling eines Sämlings einer Pflanze, die ich von zig Jahren in Kolenfeld hatte. Und das ist nicht der einzige: In der Hecke, vorne am Graben, überall tauchen hin und wieder Samen auf. Wo es passt, dürfen sie bleiben.


Einiges kommt im Gemüsegarten hoch - in den Beeten und an ihrem Rand,
so wie dieser Fingerhut. Eine schöne Ergänzung zum Gemüse,
aber keine Konkurrenz.
Diese Grasnelken sind von uns gepflanzt, aber mit der Idee,
dass sie sich im Kiesstreifen ums Haus und auch auf dem Gartenweg selbst
weitere Plätze suchen, an denen sie wachsen wollen.


Letztes Jahr erschien das Buch "Blackbox Gardening" im Ulmer-Verlag, das diesen Ansatz zum Konzept erklärte und noch einen Schritt weiter ging. Es empfiehlt, den Garten ganz dem Zufall zu überlassen und ausschließlich mit sich selbstversamenden Pflanzen zu arbeiten. "Blackbox Gardening" ist seither ein Schlagwort und selbst mein Haus- und Hoflieferant für Stauden bietet nun in seinem Shop eine Pflanzenkategorie zu dem Thema an. Das Buch ist sehr schön gestaltet, zeigt viele Beispiel aus bekannten Gärten, in denen der Meinung der Autoren nach das Konzept umgesetzt wird - einige davon haben wir letztes Jahr auf unserer Englandreise gesehen - und gibt Tipps, welche Pflanzen sich besonders eignen. Etwas wirklich neues habe ich nicht erfahren - das Prinzip der "Initialpflanzen", die man im Topf durch den Garten trägt, so dass sie sich an verschiedenen Stellen aussamen können, finde ich ganz interessant.

Der Islandmohn ist vermutlich der "Urenkel" der in unserem ersten
Jahr hier in der Nähe gesetzten Pflanzen. Die kurzlebigen
ersten Exemplare sind natürlich seit Jahren weg und trotzdem
hatten wir jedes Jahr Islandmon in verschiedenen Farben.
Und auch hier, im Streifen zwischen Beerensträuchern und Buchsbaumbeet
haben Schafgarbe und Kronenlichtnelke selbst ausgesamt, fügen sich
harmonisch ein und ergänzen sich gegenseitig! Allerdings ist hier regelmäßig
ein Eingreifen nötig, damit die Schönheiten nicht überhand nimmt.
weitere Plätze suchen, an denen sie wachsen wollen.


Aber für mich hat hier nur etwas einen Stempel bekommen, was wir ohnehin schon praktizieren: In die Natur vertrauen und den Garten nicht als ständigen Kampf ansehen. Hier und da eine ordnende Hand, aber nicht jeden Keimling sofort ausreißen. Meinen ganzen Garten hätte ich so nicht entstehen lassen wollen, das ist meiner Meinung nach etwas für die Lücken und die Überraschung zwischendurch. So wie mit der Wegwarte!

Der Klatschmohn ist im letzten Jahr hier "eingewandert",
hat sich breit gemacht und ergänzt
wunderbar das Rosenbeet am Steinkreis.

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