Mittwoch, 27. August 2014

Dungeness und ein Künstlergarten

Zwei Gärten unserer Reise fehlen noch, die aber so unterschiedlich sind, dass sie einzeln vorgestellt werden müssen. Den englischsten aller englischen Gärten hebe ich mir bis zum Schluss auf, heute will ich euch Dungeness vorstellen, eine Halbinsel an der ich bereits auf einigen Englandfahrten auf der Fahrt von Dover nach Hastings vorbei gekommen bin, von der ich aber bis Mitte des Jahres nicht einmal wusste,  dass es hier landschaftlich so etwas einzigartiges zu entdecken gibt.

Wenn man auf die Halbinsel fährt, bietet sich dem Betrachter zunächst nur weite Ödnis -  Kies soweit das Auge reicht, nur vereinzelte Bäume und Sträucher, und je näher man dem Meer kommt, desto mehr Ruinen von Bootsschuppen und Schiffswracks sieht man. Den Horizont dominiert ein Kernkraftwerk.  Zusammen mit den Gerippen der Strommasten und in dem flirrenden Licht der Mittagssonne liegt eine fast schon post-apokalyptische Atmosphäre über dem Ganzen.



Und doch - in dieser Einöde gibt es einen Garten, der zeigt, dass mit wenig Aufwand auch in der scheinbar kärgsten Umgebung etwas Farbiges, Lebendiges gedeihen kann: Derek Jarmans Garten am Prospect Cottage.


Der Künstler und Regisseur von experimentellen Filmen (von denen ich vorher noch nie gehört habe - aber er hat in den 80ern auch Musikvideos für The Smiths und die Pet Shop Boys - It's a sin - gemacht) kaufte dieses Haus zu einem Zeitpunkt, als er bereits an AIDS erkrankt war und gestaltete ihn als Gegenentwurf zum klassischen und auch modernen Gartendesign in England.

"Paradise haunts gardens and some gardens are paradises. Mine is one of them. Others are like bad children, spoilt by their parents, over-watered and covered in noxious chemicals." Das Paradies ist die Heimsuchung der Gärten und einige Gärten sind Paradiese. Meiner ist einer davon. Andere sind wie böse Kinder, verwöhnt von ihren Eltern, zu stark gewässert und voller giftiger Chemikalien. (Zitat von D. Jarman in seinem Buch "Derek Jarman's Garden", Übersetzung von mir)
Angeblich begann seine Gartengestaltung eher zufällig, als er ein Stück Treibholz als Stütze für eine Kletterrose nutzte. Später integrierte er Fundstücke vom Strand, Steine, Muscheln als Blickfänge und Elemente, die er durch Pflanzen ergänzte, denen der karge, trockene, salzhaltige Boden nichts ausmachte. Viele Pflanzen kommen auch in der Umgebung vor, so dass es keine sichtbare Grenze, keinen Zaun, keine Hecke oder Mauer zur Umgebung gibt - darin stimmt er vielleicht mit den klassischen Landschaftsgärten überein. Sein Garten ist daher weder öffentlich noch privat, Besucher können sich auch heute noch frei nähern, zumal, wenn  niemand zu Hause ist, so wie bei unserem Besuch.  Gelegentlich wird das Haus wohl immer noch bewohnt, dann ist es wohl klar, dass man nicht durch den hinteren Teil stiefelt oder gar durch die Fenster ins Haus schaut.


Die Ansicht von der Straßeund die rückwärtige Ansicht

Von der Farbenpracht, von der man immer wieder liest und auch Fotos sieht, war bei unserem Besuch nicht mehr so viel zu sehen. Gelb dominierte und vieles war schon jenseits seines Höhepunktes, verblüht, vertrocknet. Es war eben Mitte August und nicht anders zu erwarten. Wir wollen unbedingt nach mal früher im Jahr hin, um mehr von der Farbenpracht, die dann tatsächlich wie ein Paradies aus der Einöde heraussticht, zu sehen.

Sogar "formale" Elemente weist der Garten auf - hier bilden Bahnschwellen
 einen Rahmen für ein zweistufiges Hochbeet.
Fast schon kitschig im Vordergrund - im Hintergrund das AKW


Strandgut und Metallobjekte statt Pflanzen, trotzdem fügt sich auch dies
harmonisch in die Landschaft ein. 
Escholzia - Kalifornischer Goldmohn ist eine der Leitpflanzen,
die fast die ganze Saison Farbe bringen. 

Der Erker bildet einen Windfang,
in dem eine Wildrose, ein Bäumchen, Gräser und
Pflanzen im Kübel gedeihen können,
fast schon konventionell. 
Und das sind die Details, die den Garten liebenswert machen, eine rostige Pfanne, eine Strandnelke und darauf ein Schneckenhäuschen.  

Und so schließt sich der Kreis unserer Englandreise - wir haben einem Kiesgarten begonnen und wir beenden ihn in einem solchen. Nach den vielen "schönen", reich blühenden Gärten setzte dieser Garten noch einmal einen völlig anderen Schlussakzent.


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